Der Sommer 2018 brachte für das Paraclimbing Nationalteam endlich den Start in die internationale Wettkampfsaison mit dem Paraclimbing Master in Imst, Österreich. Danach folgend ein internationales Trainingslager in Innsbruck und der Paraclimbing Weltcup in Briancon, Frankreich. Da die Termine eng beieinander lagen und meine Heimat 700 bis knapp 1000 km von den Veranstaltungsorten entfernt liegt, gab es nur einen Weg: Mein Freund Andreas Band aus Plauen (Sachsen) hatte ähnliche Gegebenheiten und so war der Entschluss schnell gefallen, innerhalb 16 Tagen alle Termine in einer Reise zu kombinieren. Soweit der Plan … doch wie heißt es so schön? Ist der Plan erst gut gelungen, verträgt er auch Veränderungen … und die waren ganz einfach gesundheitlicher Natur: Auf der Hinfahrt nach Österreich kratzte der Hals bereits und eine Erkältung kündigte sich an, der Morgen des 1. Wettkampftages in Imst brachte erhöhte Temperatur und eine ausgewachsene Erkältung mit sich. Wochen und Monate der Vorbereitung, Urlaub und Geld in die Hand genommen um dann auf den Tag genau krank zu sein. Ganz große Klasse, genau so wünscht man sich das doch. Ich habe noch versucht, mich vor dem Wettkampf aufzuwärmen, habe aber schon auf dem Weg dahin feststellen müssen, dass es einfach keinen Sinn macht und die komplette Reise vollständig ruinieren würde. Also habe ich Imst innerlich abgehakt und ich hoffe 2019 wird es hier wieder ein Wettkampf und eine 2. Chance für mich geben, der Routenbau sah sehr interessant aus. Der Paraclimbing Master hat ein etwas anderes Wettkampfformat als ein Weltcup, hier in Imst gab es 6 Routen, die über 2 Tage hinweg zu klettern gab.

Wettkampfwand Kletterzentrum Imst

Also habe ich brav das Bett gehütet und mich ganz auf die nächsten Ziele konzentriert: Das Trainingslager in Innsbruck. Hier kamen über 40 Athleten aus 8 verschiedenen Ländern zusammen, um an der Wettkampfstätte der Weltmeisterschaft 2018 gemeinsam zu trainieren.

Ein Teil der internationalen Trainingsmannschaft
Pause muss sein! Muskeln wachsen schließlich nicht während der Belastung …
Die Außenwand des Kletterzentrum Innsbruck bei Nacht – was für eine „Kletterhalle“!

Der 1. Tag begann gleich mit einer Wettkampfsimulation, d.h. Isolation, Routenbesichtigung und zwei im Wettkampfformat zu kletternde Routen. Mit einigen Tagen im Bett und der Erkältung im Rücken ein echter Kaltstart, aber der Körper fühlte sich OK an. Endlich konnte ich mein Training an die Wand bringen und es fühlte sich den Umständen entsprechend gut an. Tag 2 bestand zum Großteil aus Training an den Wettkampfrouten vom Vortag und Versuchen in anderen Routen. Sehr schön fand ich auch die Möglichkeit, mit anderen Athleten einmal ausführlicher zu sprechen, viele kennt man vom sehen aus diversen internationalen Wettkämpfen, sich im Detail genauer auszutauschen gelingt jedoch nur mit nur wenigen Athleten aus anderen Ländern. Auch freut mich der Fakt, dass die internationale Gemeinschaft weiter wächst, jedes Mal sind neue Gesichter zu sehen und hinter jedem steckt eine beeindruckende Lebensgeschichte.
Am Abend hatten wir Gelegenheit, mit dem Veranstaltungsteam der WM zu sprechen. Was wünschen wir uns vom Veranstalter? Wie weit ist die Planung im Detail? Was erwartet uns?

Wettkampfsimulation
Projekte ausbouldern …
Klettern ist Teamwork 😉

Tag 3 beinhaltete eine Boulder- und Trainingssession im Innenbereich der Kletterhalle, am Nachmittag wieder Arbeit an Projekten an der Außenwand. Spätestens an Tag 4 spürten wir alle die Spuren der vergangenen Tage und ich war froh, dass die Erkältung eindeutig auf dem Rückzug war. Insgesamt war das Trainingscamp in Innsbruck ein voller Erfolg und ich hoffe, wir werden noch weitere Gelegenheit für solche Treffen – vor allem international – haben werden. Wann ist schon einmal die Gelegenheit, mit all den Menschen entspannt Zeit zu verbringen, die die gleiche Leidenschaft teilen und gleichzeitig eine spannende Lebensgeschichte mitbringen? Natürlich sehen wir uns auch bei Wettkämpfen, aber hier gibt es immer einen festen Zeitplan und vor allem eines: Wettkampfstress …

Einen Tag später ging es dann auf in Richtung Frankreich, der Paraclimbing Weltcup in Briancon stand nun als letzte Station der Reise auf dem Plan. Durch Liechtenstein, Schweiz und Italien ging es dann nach Frankreich mit einem Stopp auf dem San Bernardino-Pass, dessen kurvenreiche Passstraße wir uns nicht entgehen ließen ;-).

Pause am San Bernardino

Zeitgleich zu unserer Ankunft in Frankreich war gerade das WM-Endspiel zu Ende gegangen und die zuerst noch menschenleeren Straßen erwachten mit rege hupenden Fahrzeugen und feiernden Menschen wieder zum Leben, war Paris im Ausnahmezustand im TV zu sehen. Zum Glück waren wir weit weg von Paris in den Französischen Alpen … Zeit einmal die Klamotten zu waschen, durch zu atmen und bis zum Wettkampf verbrachten wir die Tage mit ordnungsgemäßer Regeneration, die nach dem Trainingslager auch bitter nötig war.

Behind the Scenes: Wenn die Klamotten einfach nicht mehr reichen … Rei in der Tube ist Dein Freund 😉

Mit Briancon verbinde ich meinen ersten Paraclimbing Weltcup im Jahr 2017, ein besonderer Moment, den ich so schnell nicht vergessen werde. Die Wettkampfanlage wurde aufgrund einer Baustelle mitten in der Stadt etwas außerhalb der Stadt auf einem Sportplatz aufgebaut, mehr Platz und eine offene Umgebung im Vergleich zu 2017.

In die andere Richtung noch mehr Platz – 10.000 Menschen passen hier sicher drauf!

In Briancon ist der Paraclimbing Weltcup nur eine Veranstaltung im Rahmen der „Mondial de l’escalade de Briancon“ neben dem Lead-Weltcup, Französischen Jungendmeisterschaften, Seniorenmeisterschaften, Stadtmeisterschaften, Babyklettern, Bergfilmfestival und auch die Bergrettung demonstrierte ihre Fähigkeiten.

Police de la Montagne mit der Heli-Vorführung. Während dem Wettkampf ist die Bergpolizei übrigens die Sicherungsmannschaft!

Am Mittwoch den 18.7.2018 war es dann soweit – Paraclimbing Weltcup. Die Qualifikationsrouten warten an allen 3 Seiten der Wand verteilt – die überhängende Wand zum Fußballfeld hin ist nur eine Wandseite, rechts und links davon befand sich jeweils noch eine kleinere senkrechte Wand. Der Routenbau war ansprechend und aus meiner Sicht für die RP1 gut gelungen. Das Team aus Briancon hat definitiv dazu gelernt und der Schritt nach vorne war in jeglicher Hinsicht zu sehen, Daumen hoch an dieser Stelle!

Die erste Qualifikationsroute konnte ich bis 3 Züge unter das Top klettern, die zweite Route war etwas schwieriger und endete schon etwas früher nach ca. knapp halber Höhe. Nach der Qualifikation stand fest, dass ich mit einem Zug Unterschied unerwartet auf Platz 3 und somit ins Finale gerutscht bin! Gemeinsam mit meinen Teamkollegen und Freunden Nils und Korbinian wurde es ein rein deutsches Finale …

Wer sich jetzt fragt – Moment, da sind doch nur Athleten aus 2 Ländern gelistet (Deutschland und Italien), warum darf diese Klasse überhaupt starten? Korrekt, das Regelwerk schreibt für eine Kategorie in einem Weltcup mindestens 5 Athleten aus 3 verschiedenen Ländern vor, allerdings wird dies an den Anmeldungen fest gemacht, nicht an den Athleten, die am Ende auch antreten. In diesem Fall sind also Athleten aus anderen Ländern unerwartet nicht angereist, was immer wieder vorkommen kann.

Nach Abschluss der Qualifikation ging es zurück ins Hotel, ein paar Stunden entspannen bis es dann wieder Abfahrt in Richtung Wettkampf hieß und in die Isolation ging. Isolation heißt, dass wir unter Beobachtung ohne Mobilgeräte mit allen Finalteilnehmern gemeinsam „weggesperrt“ werden, damit wir einander nicht gegenseitig beim klettern beobachten können. Gemeinsam wurden wir an die Wand geführt, dem Publikum vorgestellt. Nein, das Fußballfeld war nicht komplett mit Zuschauern gefüllt, aber ein paar Hundert waren schon vor Ort. Nach der Präsentation hatten wir 6 Minuten Zeit, unsere Finalroute von unten zu begutachten und möglichst gut einzuprägen.

Athletenpräsentation vor dem Finale

Zurück in der Isolation heißt es warten. Warten, bis wir dran sind und endlich an die Wand dürfen … zum ersten Mal wurde auch ein IFSC Paraclimbing Weltcup live auf YouTube übertragen und dieser ist auch noch heute auf YouTube verfügbar:

Hier eine Übersicht der Zeitmarken, an denen alle Deutschen Kletterer zu sehen sind:
AU2 Andreas Band: 0:45:40
RP1 Sebastian Depke: 1:00:37
RP1 Korbinian Franck: 1:09:50
RP1 Nils Helsper: 1:14:50
RP2 Philipp Hrozek: 2:00:20

Die Kletterei von Andreas, mir und auch Nils war schon relativ weit unten am gelben Volumen zu Ende, da diese Stelle für uns alle einfach unmöglich zu lösen war. Korbinian hat mit einer unfassbaren Leistung die Stelle geknackt und verdient Gold gewonnen. Die schwarze Finalroute schätzen wir übrigens auf irgendwas im Bereich 8+ oder 9- und wurde von keinem Kletterer komplett geklettert, nur Matthew Phillips (AU2) aus Großbritannien konnte den Topgriff zumindest berühren.

Volumen und Sloper, meine Lieblingsfreunde …

Warum muss die RP1 oder Andreas als AU1-Athlet in so einer Route antreten? Wissen wir auch nicht so genau 😀 – aufgrund der Zeit- und Platzverhältnisse müssen verschiedene Klassen oft auf den gleichen Routen starten. So passen RP3 und AL2 zum Beispiel gut auf ein und dieselbe Route, RP2 und B1, B2 starten auch oft in den gleichen Routen. Wir haben nachher nochmals mit den Routenbauern gesprochen, diese haben uns versichert, dass sie auch nicht wissen, wie man diese Stelle mit einem Arm zum Beispiel klettern kann. Unterm Strich gab es eine klare Selektion und somit ist einer klaren Wettkampfwertung Rechnung getragen, die Bedingungen waren ja für alle gleich.
Die Finalroute der RP2 sowie B-Klassen der Männer war übrigens eine 9-, die Finalroute der RP3/AL2-Klassen der Männer eine 9+/10-, ich finde es immer wieder beeindruckend, welche Schwierigkeiten hier geklettert werden. Am Tag nach dem Finale waren alle Routen übrigens für die Öffentlichkeit zum Versuch freigegeben!

Das Podium in der RP1 war wie nach der Qualifikation bereits zu erwarten ein Triple mit 3 Deutschen Athleten, eine besondere Konstellation! In den letzten Jahren hat dies soweit ich weiß bisher nur Deutschland geschafft 😉

Triple für Deutschland! 1. Korbinian Franck, 2. Nils Helsper, 3. Sebastian Depke

Insgesamt war es ein extrem gelungener Wettkampf und Philipp Hrozek konnte nach einer starken Vorstellung die Silbermedallie in der Klasse RP2 mit nach Hause nehmen, Andreas Band musste aufgrund mangelnder Teilnehmerzahl AU1 gemeinsam mit AU2 starten und konnte trotzdem eine Bronzemedallie ergattern!

Michael Füchsle (RP2) und Peter Kunze (RP3) waren leider verletzt und konnten ihre Leistung nicht an die Wand bringen, Marcel Richter (RP1) und Nicholas Perreth (AL2) hatten in Briancon ihre Weltcup-Premiere und konnten erste wertvolle Erfahrungen sammeln.

Nach dem Finale ist ein Teil des Teams noch ein paar Tage länger geblieben und wir haben dem Fels noch einen kurzen Besuch abgestattet. Zum Schluss unserer Reise haben wir noch den Lead-Weltcup unserer nicht-behinderten Kollegen live angesehen: Bei Qualifikation, Halbfinale und Finale waren wir live mit dabei und haben unsere Kollegen angefeuert – mit Erfolg! Alex Megos konnte sich klar durchsetzen und nahm die Goldmedallie mit nach Hause!

Full House ääääh Wiese beim Lead-Finale
Schöne Momente, schlechtes Licht und mäßige Kamera – egal … nochmal Gold für Deutschland!

Direkt nach dem Finale haben wir uns auf den Weg durch die Nacht nach Hause gemacht. 950 km, 11 Stunden und ein Blitzerfoto später bin ich endlich wieder daheim angekommen, glücklich, erschöpft und voller Eindrücke und Erlebnisse, die so schnell nicht vergessen werden. Ja, in Frankreich ist seit 1.7.2018 auf Landstraßen nur noch 80 statt 90 km/h … hinterher ist man immer schlauer.

Und zum Schluss noch ein best-of von meinem Kofferraum. Ordnung ist ja schließlich das halbe Leben …