Die Reise geht weiter: Innsbruck – Löbejün – Kemmenau

Nachdem meine Aufgabe als Expertenkommentator in Innsbruck bei der World Climbing Para Serie beendet war, ging es weiter nach Norden. Nicht wie 2024 über den Fernpass durchs Allgäu in Richtung Ulm, Stuttgart und weiter zum Rhein in Richtung Koblenz, sondern ein weiterer Termin als Referent bei der IG Klettern Halle/Löbejün auf dem Sommersonnenwende-Festival stand an. Ich sollte knapp 3 Tage Zeit haben um von Innsbruck die laut Komoot ca. 630km bis zum Aktienbruch Löbejün zu gelangen, wo ich einen Vortrag zum Thema Paraklettern und auch über das Solarbike halten sollte – als Auftaktveranstaltung am Freitagabend des Festivals. Laut Routenplanung eher ein flacher Abschnitt, der sich nach der Überquerung der letzten Alpen in Richtung Deutschland dann über Regensburg, Tschechien, Plauen, Halle bis nach Löbejün hangeln sollte.

Nach dem Vortrag war die letzte Etappe von Löbejün nach Kemmenau, ca. 400km, geplant. Diese dann zum ersten Mal auf der gesamten Reise ohne Termin und Zeitdruck, aber trotzdem mit dem Wunsch im Hinterkopf, die Strecke binnen 24h zu fahren (vorweg: es klappte nicht…) und damit meinen bisherigen 24h Rekord von 406km weiter zu verbessern.

Hier die Daten und Zusammenfassung der Etappen:

TagStart/ZielkmWh/kmØ km/hWh MotorSolar WhReku %↗ m↘ m↗↘ netto
5Innsbruck-Ponholz2947,124,1209816008,318502050-200
6Ponholz-Weickelsdorf2807,323,22049200012,521702230-60
7Weickelsdorf-Löbejün836,621,1552150010,7350490-140
Festival Löbejün000012000000
8Löbejün-Marburg3207,823,5252418008,625202450+70
9Marburg-Kemmenau12110,223,11248220015,317001540+160
1098km7,7Wh/km23,4km/h8,5kWh10,3kWh10,6%8590m8760m-170m

Durch die Standzeit beim Wettkampf in Innsbruck war der bei der Ankunft auf ca. 45% geleerte Akku wieder voll gefüllt. Durch die in der Folge etwas zurückhaltendere Sonne an Tagen mit „nur“ 1,6 bzw. 2 kWh Solarertrag war klar, dass der Akku an seine Grenzen kommen würde – und die wollte ich auch voll ausloten, was dann mit einer Nacht in der Hängematte unterm Solardach endete. In Löbejün auf dem Kletterfestival hatte ich am Tag nach dem Vortrag mir einen Tag „Pause“ gegönnt, an dem das Solarbike wieder voll aufladen konnte (und ich war klettern…), um voll geladen in den letzten Abschnitt starten zu können.

Hier die Daten zu Zeiten und Gesundheit:

TagStart/ZielBewegungszeitStandzeitkcalØ Herzfreq.Schlaf vorherKommentar
5Innsbruck-Ponholz12h12m3h05m50211105h09mRe-start der Tour nach Para Climbing World Series in Innsbruck
6Ponholz-Weickelsdorf12h05m4h02m50971104h10mAkku bis an BMS Cell-Imbalance Alarm-Abschaltung gefahren, die Nacht draußen biwakiert, erste Reifenpanne der Tour
7Weickelsdorf-Löbejün3h55m7h03m14351045h26mLange Pause in Halle beim Geoquest-Verlag zur Vortrags-Vorbereitung
8Löbejün-Marburg13h36m4h58m5604104ca. 2hFrühstart in der Nacht, Hitzeschlacht mit wenig Schlaf, Umwegen und viel Gegenwind
9Marburg-Kemmenau5h12m3h18m23471004h53mHitzeschlacht mit Umwegen und vielen kleinen, nervigen Defekten + viele Höhenmeter im Verhältnis zur Distanz

Auch auf der 2. Hälfte der Reise war der „Rythmus“ relativ klar gesetzt und ich wusste genau, wie weit ich gehen kann, man sieht an den Fahrzeiten und Distanzen, dass ich direkt „voll“ hinein gestartet bin und kein vorsichtiges Grenzen austesten mehr stattgefunden hat. In Innsbruck wurde nur minimal an der Technik etwas optimiert, denn das Setup war nach wie vor robust und zuverlässig ohne Defekte unterwegs. Meine Kingel, deren Feder bereits an Tag 2 der Tour abgebrochen war (war absehbar…) hatte ich als einziges Teil noch schnell ersetzt.

Ich hatte überlegt, direkt in der Nacht nach dem Para Climbing Wettkampf über die Alpen zu starten, um dem Verkehr auf der Achsensee-Passstraße zu umgehen, es war jedoch Regen in der Nacht vorher gesagt und wenig Sonne am Folgetag, also wurde es doch mit dem Wecker auf 5 Uhr ein „gesitteter“ Start morgens um 6 in Innsbruck. Ich rollte entspannt aus der Stadt heraus durch Hall hindurch und den Inn ca. 35km herunter bis zur Abzweigung den Achsensee Pass hinauf. Die Stimmung war gut, energetisch und Stimme etwas lädiert vom Wettkampfgeschehen (auch ohne klettern nimmt es einen mit …), aber die Muskulatur war ausgeruht und fit. Leider war die Sonne relativ zurückhaltend und ich wusste, dass mein Vorhaben, die 630km nach Löbejün in zwei Tagen zu fahren, bereits erste Fragezeichen bekommen sollte. Jetzt war natürlich im Vergleich zur ersten Hälfte der Reise ziemlich genau klar, welche Verbrauchswerte und Solarerträge ich erwarten konnte und ich rechnete permanent im Kopf vorwärts rückwärts seitwärts meine Optionen durchrechnen … ja, ich liebe Daten und hier war ich nun in einem echten Technik-Daten-Sport-Abenteuer ganz nach meinem Geschmack. Rückblickend war der Reiseabschnitt nach Innsbruck so gut gelaufen, wie es kaum hätte besser sein können. Natürlich hätte ich zu Beginn der Reise härter einsteigen können und hätte hätte Fahrradkette – in 3 Tagen wäre die Distanz mit meinem Setup unmöglich gewesen.

Nun also zurück aufs Solarbike auf dem Weg von Österreich nach Deutschland: Auf dem Achsensee-Pass war durchaus etwas Verkehr, aber die Straße meist relativ breit. Mal wieder war eine Motor-Kühlpause nötig und so ging es weiter am wunderschönen Achsensee-Ufer entlang in Richtung Deutschland. Die Überquerung der Grenze war höchst unspektakulär, ein Schild im Wald und eine mobile Polizeistreife versteckt auf einem Parkplatz kurz davor und das war es dann auch schon. Willkommen im Heimatland! Und so ging es dann auch den Berg hinab in Richtung Tegernsee. Fun fact: Plötzlich hing ich im Stau fest mitten im Wald und nach relativ kurzer Zeit war auch sichtbar warum: Ein Bagger war mit strammen 20-23km/h bergab unterwegs – und ich kam nicht an ihm vorbei. Platz machen war für den Bagger nicht möglich und so heulte er mit seiner Hydraulik am Anschlag und einer beachtlichen Schlange an Autos den Berg hinunter und ich bremste mich hinter ihm mit konstanter Energie-Rückgewinnung den Berg hinunter, bis er auf einmal abbog und ich endlich wieder freie Bahn hatte. Weiter ging es am Tegernsee entlang, wo erstaunlich viele sehr unentspannte Autofahrer unterwegs waren mit zahlreichen idiotischen Überholvorgängen und Beinahe-Unfällen von und zwischen Autos (Verkehrsinseln oder Gegenverkehr beim überholen missachtet) und ich dachte mir nur „ohje, wo bin ich hier gelandet“ … und nein, es war schon lange kein Berufsverkehr mehr und bereits gegen Mittag. Über die Jahre entwickelt man so ein gewisses Gefühl, wo es auf den Straßen potentiell gefährlich werden kann und wo nicht. So manche Bundesstraße kann deutlich entspannter sein, als es der Name vermuten lässt und manche Kreisstraße kann den Verkehr der Hölle beherbergen. Wie dem auch sei, es ging weiter nach Nord-Nord-Ost in Richtung Regensburg, wo ich am Abend die Stadt durchquerte und es war langsam Zeit, eine Entscheidung bezüglich dem Nachtlager zu treffen. Die Entscheidung fiel auf Ponholz – aber nur weil eine näher gelegene Option nicht ans Telefon ging. Es war bereits nach 20 Uhr und so spät noch einzuchecken ist immer mit Risiken verbunden: Für Unterkünfte mit Schlüsselkästen gar kein Problem – sofern ich am Ende an den Schlüsselkasten auch dran komme … bei Hotels mit 24/7 Rezeption kein Problem, diese gibt es aber in der Regel nur in großen Städten und gehobeneren Preisklassen. Am Ende war es eine Unterkunft über booking.com mit Schlüsselkasten und Hüfthöhe – kochen, duschen, essen, schlafen.

Am nächsten Morgen wollte ich es zumindest bis nach Halle zum Geoquest-Verlag (c.a 17 km vor Löbejün) schaffen, was auch mathematisch theoretisch möglich sein sollte. Ich richtete den gesamten Tag danach aus, leider war es enorm schwer bei der Licht-Schatten-Wege und Wolkendecke die erforderlichen Energiemengen zu gewinnen. Es war schon nach der Mittagspause klar, die natürlich Lade-optimiert war, dass es wenn überhaupt, nur sehr sehr knapp möglich werden sollte – und es warteten in und nach Tschechien noch zahlreiche Steigungen auf mich, die etwas mehr Energie kosten, als nur in der Ebene zu rollen. In der Ebene erreiche ich Verbräuche im Bereich von 6 Wh/km, in den Bergen können es gut und gerne 10 Wh/km sein, was in diesem Fall durchaus den Unterschied machen könnte … so ging in weiten Teilen entlang der SüdOstLink-Stromtrasse, die den Norden mit dem Süden verbindet. Spannend zu sehen, welche Spuren die Trasse in der Landschaft hinterlässt – aber kurz gesagt: Die Grube des Erdkabels ist zu! Es fehlen allenfalls hie und da noch letzte Schaufelzüge mit dem Bagger aus meiner Sicht und das Projekt ist fertig! Meine Recherche hat ergeben, dass die Trasse bereits 2027 in Betrieb gehen soll und aktuell werden Kabel eingezogen. Nun denn, ab sofort hatte das Thema „Netzausbau“ in Deutschland für mich ein konkretes Bild.  So ging es weiter ein kurzes Stück durch Tschechien über Cheb und weiter nach Plauen, wo mich Jörg Band überraschend an der Strecke besuchte und wir einen kurzen Plausch auf dem Fahrradweg abhielten. Die Strecke über Tschechien enthielt weniger Höhenmeter als die Variante über Hof in Deutschland, was ich bei meiner Planung aber nicht wissen konnte war der Umstand, dass es genau auf dieser östlichen Variante deutlich weniger Sonne geben sollte… zurück in Deutschland hinter Plauen kam die Sonne auch wieder mehr hervor, allerdings war am späten Nachmittag auch nicht mehr viel zu erwarten. Es war also klar, es würde knapp werden in den Abend hinein. Und genau so war es dann auch: Ich fuhr durch hügelige Landschaften mit teilweise starken Steigungen und der Akku war bereits zahlreiche „Cell Imbalance“ Warnungen aus, die entstehen, wenn ein Akkublock deutlich stärker in der Spannung einknickt als die stärksten Blöcke unter Last. Dies ist bei Recycling-Zellen, die alle unterschiedlich schnell weiter altern, leider Realität und so auch bei meinem Akkupaket, das inzwischen schon gut 6500km hinter sich hatte. Oder waren es gebrochene Zellverbindungen? Wer weiß, das BMS (Batterie Management System, überwacht und balanciert die Li Ion Blöcke in der Reihenschaltung aus) meldete Block 8 war der Übeltäter und einige Kilometer weiter an einer starken Steigung schaltete das BMS hart ab. Ohje…da stand ich nun, glücklicherweise in einer kleinen Siedlung und das System war zum allerersten Mal seiner gesamten Lebensdauer bei 0 eingeschlagen. Halle lag noch gut 50km entfernt und es war klar, dass das BMS die Dysbalance nicht „mal eben“ wieder zurecht schieben können würde. Bei meiner 406km Rekordtour bin ich tatsächlich in das gleiche Problem hinein gelaufen, allerdings war der Fehler hier relativ simpel: 4 von 16 Zellen in einem Block waren ohne Verbindung und so ist der Akku bei exakt 25% Restladung „ausgestiegen“. Hier war das Bild nun relativ ähnlich, allerdings war mir nicht nach Akku öffnen und nachmessen, es gab schließlich einen Termin am nächsten Abend und noch 70-80 km bis dorthin.

Der schnelle Blick in die üblichen Apps zeigte, dass es hier keinerlei Übernachtungsmöglichkeiten in näherer Umgebung geben würde, also hieß es Plan B und Biwak unterm Solardach. Ich hatte das gesamte Equipment dafür an Bord und hatte sowieso damit kalkuliert, es früher oder später auf der Reise einsetzen zu müssen. Ich scannte die Umgebung schnell auf Google Maps in der Satellitenansicht ab und identifizierte 2 mögliche Plätze außerhalb der kleinen Siedlung. Der Weg dahin leicht bergauf und ohne E-Unterstützung war hart und langsam – aber es ging. Der erste Platz stellte sich als untauglich aus, zudem passte das Satellitenbild nicht mehr zur Realität, also wurde es die 2. Option. Ich baute das Lager auf und stellte fest, dass ich diesen Punkt besser vorher nochmal geübt hätte … zudem hatte ich Teile meiner Hängematten-Halterung bereits an den Hinterrädern verbaut, damit meine Verkleidung nicht permanent am Reifen schleift. Egal, mit ein wenig hin und her probieren hatte ich eine neue funktionierende Variante und fertig war das Setup für die Nacht. Ich legte mich in die Hängematte, alles hielt und ich versuchte zu schlafen, was nicht so einfach war. Ich kannte das Problem bereits nur zu gut, der Körper braucht eine Weile sich wieder an die Hängematte zu gewöhnen, zudem sorgte eine Autobahn für konstante Geräuschkulisse. Laut meiner Uhr hat es trotzdem für über 4h Schlaf gereicht und ich wachte am nächsten Morgen in der aufgehenden Sonne auf. Das Setup wurde schnell zusammen gepackt, das Solardach ideal in die Sonne ausgerichtet und ich kochte mir erst mal ein bisschen Wasser, um eine meiner Fertigmahlzeiten anzurühren. Der Start in den Tag erfolgte also gleich mit einer soliden Grundlage im Magen, der Plan war ca. 1-1,5h den Akku laden zu lassen und dann direkt los zu starten. So hangelte ich mich mit einstelligem Ladezustand bis Halle zum Geoquest-Verlag, wo ich mit Gerald den Plan für die kommenden Stunden schmiedete. Zuerst einmal 2. Frühstück, duschen und die letzten Bilder und neuesten Daten noch für den Vortrag am Abend hinzu fügen. So machte ich mich dann am Nachmittag auf den Weg zum Aktienbruch Löbejün, wo der Vortrag im Rahmen des Sommersonnenwende-Festivals stattfinden sollte. Der Weg in den Aktienbruch über die Rettungszufahrt war steil und abenteuerlich, aber schlussendlich stand mein Solarbike unten auf der Zeltwiese im Aktienbruch. Das zweite Etappenziel auf meiner Reise war also erreicht und nun stand ich auf der Bühne bzw. im Zelt für den Vortrag.

Der Vortrag selbst hatte zwei Teile, zum einen ging es ums Para Klettern und dann natürlich um das Solarbike. Der Vortrag diente zum Einstieg in das Festival und hatte lockere Atmosphäre, das Wetter war gut und die Technik spielte mit. Auf einer Leinwand mit Beamer und dem Solarbike daneben zeigte ich viele Bilder und erzählte von meinen Erlebnissen und daran angeschlossen hatten wir noch eine Frage&Antwort-Runde mit spannenden Fragen.

Die darauf folgende Nacht verbrachte ich wieder in der Hängematte unter dem Solardach auf der Zeltwiese während die Party in die Nacht hinein lief – allerdings in der entspannten Version, die „große Party“ sollte in der darauf folgenden Nacht steigen. Auch ohne Gehörschutz konnte ich einschlafen, die Erschöpfung und der systematische Schlafentzug der Nächte davor halfen dabei zuverlässig mit. Am nächsten Morgen sollte ich von der herein brechenden Kaltluftfront mit starkem Wind geweckt werden, der mein Tarp an einer Ecke losreißen konnte und somit lautstark durch die Luft flatterte. Auch um mich drumherum zeigten einige Zelte ähnliche Verschleißerscheinungen und deren Besitzer genau wie ich schlaftrunken versuchten die Situation zu regeln. Für mich war sofort klar: Hier zieht nun schlechtes Wetter auf, der Sturm ist nur die Kaltluftfront bevor das Unwetter herein brechen wird – also packte ich zusammen und parkte das Solarbike so, dass es möglichst effizient die aufziehende Sonne erfassen konnte – statt Sonne kam aber zuerst der Regen, der in mehreren Schüben den gesamten Morgen bestimmte. Im Versorgungszelt verbrachte ich die Zeit, während mein Solarbike draußen im Regen stand – kein Problem übrigens, das Konstrukt hält schlechtes Wetter aus – und danach kam tatsächlich die Sonne heraus. Bei Waschküchen-Klima machte ich mich mit Gerald am Nachmittag ans klettern, während das Solarbike wieder aufladen konnte. Bis zum späten Nachmittag war es wieder bei 100% Ladezustand angekommen und meine Arme und Kreislauf vom Klettern ordentlich geplättet. Fertig und glücklich beantwortete ich noch einige Fragen zum Solarbike von interessierten Festival-Besuchern, auch gab es für mich von ehemaligen Teamkollegen bis hin zu Überraschungsbesuch von Freunden gleichermaßen unerwartete wie spannende Begegnungen und Gespräche.

Im Laufe des Abends beförderten wir das Solarbike mit mehreren Personen wieder den Berg hinauf aus der Grube heraus, denn der Plan war mich am Abend vom Festival mehr oder weniger geschützt ein paar Stunden Schlaf zu ergattern, um dann in die Nacht hinein zu starten und nach Möglichkeit die letzten knapp 400km nach Kemmenau möglichst in einem Tag zu bewältigen. Auf dem Papier sicher möglich, aber der Wetterbericht war wieder voller Gewitterwarnungen und Wolken am Himmel. Ich nahm also die 3. Nacht in Folge wieder in der Hängematte Platz – dieses Mal ohne Tarp – und fand ein paar Stunden Schlaf, bis ich von alleine gegen 1:45 Uhr aufwachte. Die Party im Aktienbruch war in vollem Gange, ich packte meine Sachen eilig zusammen und los ging es in die Nacht hinein. Ich liebe es in der Nacht zu fahren, wenig bis gar kein Verkehr, Ruhe, Fokus und Stille. Genuss pur! Der Genuss wurde nach wenigen km jedoch schon etwas gestört, denn ich stand gegen 3 Uhr plötzlich vor einer Fähre an der Saale, die geschlossen war. Autsch…erste Überfahrt des Tages um 6 Uhr. Ohjeee….natürlich hatte mich Komoot in der Planung darauf aufmerksam gemacht, ich hatte es aber ignoriert. Meine Strecken plane ich meist eher grob mit Komoot und der Einstellung für Rennrad und gehe sie kurz vorher (wenn dann noch Zeit ist) durch und bügle die üblichen „Komoot-Fehler“ (für 50m kürzeren Weg 10 Abbiegemanöver) und sinnlose Streckenkombinationen wie 10m Radweg benutzen und dafür 3 Straßen überqueren usw aus – wenn ich noch Zeit dazu habe. Die Fähre hier ist mir also völlig durch die Lappen gegangen. Mist. Was nun? Nochmals 3h in die Hängematte legen? Ich war hellwach … Fähre mit der nächst gelegenen Brücke umfahren? 25km extra! Okay… dann sei es eben so. Ich drehte um, verfuhr mich noch auf dem Weg zur Brücke und so wurden aus 25km Umweg direkt einmal 30km. Ab einem gewissen Punkt darf man getroffene Entscheidungen nicht mehr hinterfragen, sondern man zieht einfach durch. Durchziehen hieß hier dann über teilweise grausame Kopftsteinpflaster-Straßen in die Morgendämmerung und schlussendlich den Sonnenaufgang hinein. Ich kurbelte mich südlich am Harz vorbei und konsultierte eine Tankstelle, um ein paar Vorräte aufzufüllen und kochte mir eine Nudel-Curry-Mahlzeit auf. Der Tag war schon mal weit weg von optimal und das Wetter zeigte die ersten Kapriolen: Unwetter-, Sturm- und Gewitterwarnung in den Wetterapps und der Himmel sah grau und dunkel aus. Keine Sonne mehr, Sturm zog auf und auch erste Tropfen fielen vom Himmel. Der Wind war teilweise wirklich extrem und just in dem Moment, als der starke Regen einsetzte, befand sich 5m vor mir eine Bushaltestelle. Schnell abgebremst, hinein gelenkt und dort den Regen ausgesessen. Nun war klar: Das wird sehr schwer bis unmöglich heute noch bis Kemmenau durch zu fahren. Der gesamte Vormittag war relativ grau und ich rollte weiter südlich an Göttingen und Kassel vorbei und der Himmel war nicht mehr stark bedeckt. Dafür stieg die Temperatur unaufhörlich und wenn ich anhielt wurde mir ohne Fahrtwind bewusst, wie heiß es wirklich war. Am Abend gegen 20 Uhr habe ich kurz vor Marburg die Entscheidung getroffen, mir eine Unterkunft zu organisieren und den Tag zu beenden. Insgesamt 320km sollten es an diesem Tag werden, nicht das was ich mir erhofft habe, aber trotzdem die längste Etappe der gesamten Reise. Die Wahl einer Unterkunft anstatt Hängematte unterm Solardach war eine weise Entscheidung, denn in der Nacht sollten in der Umgebung einige schwere Unwetter nieder gehen, die ich entspannt verschlafen habe. Der nächste Morgen startete entspannt erst um 6:30 mit Frühstück in der Unterkunft (ich dachte mir ich gönne mir mal etwas…) und um 6:50 Uhr rollte das Solarbike weiter gen Westen. 120km bis Kemmenau – das wird einfach dachte ich. Ja, dachte ich … mein Plan sah vor, der Lahn über Gießen, Wetzlar und Löhneberg zu folgen und dann auf mehr oder weniger gerader Linie durch den Westerwald nach Kemmenau zu fahren. Diese Variante hatte ein paar km mehr als die direkte Linie von Marburg aus durch den Westerwald, aber dafür deutlich weniger Höhenmeter.

Schon 15km nach dem Start dann die Hiobsbotschaft: Lahntal-Radweg gesperrt. Umleitungsschilder. Oh nein … also war klar, es würde doch auf die Tour gerade durch die Berge gehen und nichts mit Lahntal enspannt folgen. Dadurch, dass ich jetzt schon die Route an der Lahn entlang eingeschlagen hatte, musste ich nun die Mehrkilometer meines ersten Planes mit den Höhenmetern meiner Alternative kombinieren. Autsch … auf dem Tacho so nah, aber in der Realität rückte das Ziel auf einmal gefühlt weiter weg. Der Akku krebste bei 20-30% am Vormittag entlang, zu allem Überfluss weitere Baustellen und ungeplante Routenänderungen – meine Nerven wurden arg strapaziert. Einmal fuhr ich über Waldwege einen Berg hinab und landete mitten in einer Großbaustelle der A45 – der Weg, den Komoot hier vorschlug, war nicht mehr als eine Brücke im Rohbau ohne Zuwege – ein Komoot-Klassiker. Google kannte keinen der Wege, also schlich ich mich durch die Baustellenstraßen und übers Feld an den Barrieren vorbei und ließ das Problem hinter mir. Danach brauchte ich erst einmal eine längere Pause mit warmer Mahlzeit, um ein wenig Ruhe wieder hinein zu bringen, denn innerlich war ich zu viel mit der Brechstange unterwegs, ich wollte es unbedingt endlich zu Ende bringen und jedes Ereignis,was sich dazwischen stellte, steigerte meine innere Anspannung und Aggression … schlechte Kombination.

Etwas beruhigt ging es wieder zurück auf die Straße – es sollten nur noch knapp 60km nach Kemmenau sein. Wenige Kilometer nach der Pause dann eine gelöste Fußraste, nach der Befestigung fuhr ich mich beim Wendemanöver im Straßengraben fest und danach stellte ich fest, dass ich mein komplettes Wasser verloren hatte, der Trinksack war leer! Und das bei über 30 Grad Celsius … und weg war die beruhigte Stimmung, heute sollte wirklich gefühlt alles schief laufen. Nun hieß es die nächste Tankstelle anlaufen, Wasser kaufen und Endspurt nach Kemmenau! Schlussendlich ging es durch Montabaur und nun war das Ziel zum greifen nahe – bis ich in Welschneudorf 5km vorm Ziel ein plattes Hinterrad bemerkte. Oh nein … die Geräusche im Wald zuvor waren also nicht nur Blätter und Äste, sondern Tubeless-Flüssigkeit bei der Arbeit. Ich pumpte den Reifen wieder auf, denn er hielt noch eine gewisse Menge Restluft, aber über 5bar dichtete Tubeless nicht mehr ab. Ungewillt, den Schlauch zu wechseln oder Tubeless Flüssigkeit nachzugeben entschied ich mich einfach mit geringem Reifendruck die Tour zu Ende zu bringen. Notfalls eben auf der Felge … die Luft hielt und so ginge es mit hoher Geschwindigkeit von Welschneudorf die letzten 5km leicht bergab nach Kemmenau und beendete die Tour mit über 2200km. Was für ein letzter Tag – gefühlt ging hier nochmals alles schief.

Was ist das Fazit?

  • An vollen Fahr-Tagen im Schnitt 275km gefahren
  • 100% Solar, ohne Netzladung
  • Verbrauch 7,7 Wh/km
  • Defekte: 2 Reifen&Schläuche, eine verlorene Schraube, Seil von der Dachverstellung verschlissen
  • Solarbike extrem zuverlässig
  • Schwache Leistung an längeren steilen Anstiegen (Motor Überhitzung)
  • Kochmöglichkeit an Bord = Luxusupgrade!

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

* Copy This Password *

* Type Or Paste Password Here *