Als hätte ein Betroffener nicht schon genug mit sich selbst und der Krankheit zu kämpfen, so gibt es meist noch eine zweite oder gar mehrere Fronten im direkten Umfeld mit seinen Mitmenschen. Familie, Freunde, Arbeit oder einfach nur auf der Straße. So mag sich ein Betroffener im Frühstadium mit Sprüchen wie „Ach Du, Rückenschmerzen hat doch jeder, hab Dich nicht so“, „Das geht schon wieder weg!“, „Der/die simuliert doch nur!“ herumschlagen.

Zugegeben, es ist für das Umfeld auch nicht immer leicht, in einen chronischen Schmerzpatienten hinein zu sehen. Tagesform ist das Stichwort: Was an einem Tag noch spielend leicht gelingt, hat mit leicht veränderter Schmerzsituation – die nach außen hin gar nicht sichtbar sein muss – gar unmöglich sein. Auch stundenweise kann es hin und her pendeln. Hier ist vor allem Einfühlungsvermögen gefragt und ein einfaches Signal, dass Hilfe da ist, wenn sie benötigt wird, kann eine enorme Stütze sein. Ungefragt helfen kann ich ausdrücklich nicht empfehlen, es sei denn, die Person ist nicht mehr ansprechbar bzw. die Situation ist offensichtlich außer Kontrolle geraten. Ignoranz ist genauso falsch, einfach nur „da“ sein und die Hilfe anbieten ist in meinen Augen der beste Weg, vor allem, wenn man die betreffende Person nicht genau kennt oder auch nicht über die aktuelle Tagesform im Bilde ist. Alles andere kann gehörig nach hinten losgehen, auch wenn es sicherlich gut gemeint ist: Der eine beschwert sich, wenn man ihm die Tür öffnet, weil es eine Herabsetzung seiner Fähigkeit darstellt und den „Krankheitsstempel“ oder gar „Behindertenstempel“ aufdrückt. Ein nächster mag sich beleidigt fühlen, wenn man die Türe nicht ungefragt öffnet, weil es ja klar ist, dass diese Person Hilfe benötigt und helfen ist ja schließlich eine ehrenwerte Sache …

Auch ich hatte mich sehr mit meinem Umfeld auseinander zu setzen, vor allem weil mein Weg sehr ungewöhnlich ist. Oft musste ich mir anhören, dass meine Worte und Ideen ja recht nett klingen, aber ich solle mich doch mal ansehen, es funktioniere ja nicht … das hat gesessen.

Andererseits kann man Dinge wie innere Hoffnung, Gefühle und Visionen schwer auf andere Menschen übertragen, sodass hier immer eine Verständnislücke bleibt.

Ich musste schmerzhaft lernen, an mich und meine Ideen und meinen Weg wirklich selbst zu glauben, denn schließlich muss ich ihn gehen, nicht mein Umfeld! Wenn mir alle sagen „Mensch komm, Du schaffst das!“, ich selbst aber daran zweifle, so kann es nicht funktionieren. Umgekehrt schon, wenn alle sagen „Das funktioniert sowieso nicht, vergiss es!“, ich selbst aber tief und fest von meinem Weg überzeugt bin, so reicht das! Trotzdem macht es die Sache leichter, wenn auch das Umfeld am selben Strang zieht.

Ein weiterer Punkt, der mich in meiner Phase mit schweren Einschränkungen und offensichtlicher Behinderung zunächst sehr gestört hat, war die Öffentlichkeit. Ich habe mich regelrecht geschämt, mich öffentlich zu zeigen. Ich habe die Blicke der anderen förmlich gespürt und mir kam die Idee zu denken was die anderen nun denken mögen … aber es änderte nichts an den Blicken. Ich war beschäftigt, meine Gedanken fingen an zu kreisen und alles wurde noch konfuser und peinlicher.

Die Lösung war knallharte Konfrontation und genau solche Situationen immer und immer wieder zu wiederholen und irgendwann die anderen Menschen zu ignorieren und auch hier einfach meinen Weg zu gehen. Rückblickend ist mir auch klar geworden, dass es nicht mein Problem ist, wenn andere Menschen mit meiner Behinderung ein Problem haben oder nicht wissen, was sie denken oder sagen sollen. Wenn Mitmenschen mich sehen, müssen sie reagieren – gemäß dem, was sie dazu in sich tragen. Ich kann von einem Chinesen nicht erwarten, dass ich ihn auf Deutsch anrede, und er mich versteht und auf Deutsch antwortet (sofern er es nicht gelernt hat), es ist einfach jenseits seines Horizonts. Ein jeder kann nur innerhalb seines eigenen Horizonts, seines Weltbildes reagieren. Und wenn ein Weltbild enthält, dass man Behinderte nicht vor die Türe gehen, damit sie niemand anderen mit ihrem Anblick irritieren, so kann die Reaktion doch kaum natürlich und angemessen sein. Mein Problem? Nein. Ganz im Gegenteil, ich bin viel eher hier derjenige, der das Weltbild ins Wanken bringt, weil ich eben doch draußen herum laufe und mich sehr wohl zeige. Gleichzeitig kehren andere Menschen mit manchen Reaktionen sehr offensichtlich ihr Inneres nach außen und zeigen, wie sie wirklich innerlich denken und beschaffen sind.. Dies ist kein Vorwurf gegenüber irgendeiner konkreten Person, nein ich bin allen sogar dankbar, denn sie haben mir letztendlich mit all ihrem Kommentar und Blicken zu dieser Erkenntnis verholfen.

Nächstes Kapitel: Logisch? Logisch!

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