Die Überschrift mag vielleicht verrückt klingen. Ich soll das Schicksal annehmen? So ein Schwachsinn, ich habe das nicht gewollt! Krankheit ist böse, Krankheit ist schlecht! Und ungerecht sowieso! Ich habe es nicht verdient! Allen anderen geht es doch gut! Ich will das nicht! Wo bleibt die Lebensqualität? Wie soll das Leben denn ohne dies das und jenes sein? Mein Leben hat keinen Wert mehr. Die Welt ist schlecht. Da will ich doch lieber sterben. HALT!

Blödsinn.

Die Krankheit interessiert es nicht, was ich von ihr halte. Sie ist da. Mit viel Geduld und Hingabe, ohne Pause und stets verlässlich auf den Punkt bereit daran zu erinnern, dass ich eben „krank“ bin. Daran ist erst einmal nicht viel zu ändern. Genau wie beim Wetter, das kommt wie es kommt. Es ist dem Wetter herzlich egal, wie ich gekleidet bin – es ist da. Wie die Krankheit. Mathematisch ausgedrückt bin ich selbst die einzige variable Komponente in diesem Gleichungssystem mit meiner Einstellung zu den Dingen, die ich nicht verändern kann. Das Wetter kann ich direkt nicht verändern. Aber meine Kleidung! Die Krankheit ist da. Aber meine Einstellung kann ich sehr wohl dazu ändern! Lasse ich mich auf das Gedankenkarussell ein, was in Depression und Resignation endet? Oder packe ich es an und mache das beste daraus? Ich habe es in der Hand!

Ich gebe zu, es schreibt sich so leicht, aber es lebt sich so schwer. Aber es geht. Und es lohnt sich. Ich verspreche Ihnen, wenn Sie erst einmal ein Stück auf diesem Weg gegangen sind, erlangen Sie ein Stück mehr Sicherheit und mehr Vertrauen. Und das gibt wieder genau die Kraft, den Mut und das Vertrauen, noch mehr zu wagen, das Leben selbst in die Hand zu nehmen und den nächsten Schritt zu machen. Ein Weg, der sich selbst irgendwann trägt. Die Sache hat nur einen Haken, ich will ganz ehrlich sein. Man kann diesen Weg nur selbst gehen. Andere Menschen sind im besten Falle nur Begleiter, Inspiration, Berater, Freunde, Beispiele, Vorbilder – gehen muss ein jeder selbst. Und vor dem Schritt muss der Wille dazu geformt sein. Wer nicht gehen will, der wird auch nicht gehen. Wer gehen muss, weil er dazu gezwungen wird, wird nicht weit laufen, das verspreche ich. Die wahre Kraft ruht in dem freiwilligen eigenen Entschluss, ein Ziel vor Augen zu fassen, und sich auf den Weg zu machen.

Kinder, die laufen lernen, stürzen. Und was machen Kinder dann? Sie stehen auf und versuchen es erneut. Und sie werden wieder stürzen. Trotzdem versuchen sie es immer und immer wieder. So lange, bis es klappt. Und selbst dann sind sie nicht vor Stürzen sicher … Wenn Kinder sagen würden „Schwerkraft ist ungerecht, ich krabble lieber mein Leben lang“, wie sähe dann die Menschheit aus? Die Frage ist nicht, wie oft man stürzt, die Frage ist, wie oft man aufsteht. Ich kann nicht an mich selbst die Erwartung stellen, schon nach dem 10. Versuch mein Ziel zu erreichen. Ich darf es nicht erzwingen, ich darf keine Erwartungen oder Forderungen stellen. Ich kann nur mich selbst mit all meinen Fähigkeiten nach bestem Wissen und Gewissen einbringen, was dann erfolgt, erfolgt. Und wenn es Misserfolg ist. Es kann sein, dass es erst beim 100., 1000. oder 10000. mal funktionierten. Vielleicht auch gar nie. Die Zahl der Versuche darf aber beim Versuch selbst, ganz egal ob es der erste oder letzte ist, keine Rolle spielen.

Mein Kampf, die Krücken (medizinisch: Unterarmgehstützen) wieder los zu werden, dauerte 6 Monate. 6 Monate Kampf, die „Zweckehe“ mit den Alustöcken wieder aufzulösen. Es war ein Kampf, der immer auf der Grenze zwischen geht – geht nicht (im wahrsten Sinne des Wortes) hin und her pendelte, je nach Tagesform eben knapp drunter oder über der Grenze. Ich selbst wusste nicht, ob es klappen wird. Aber ich habe es versucht. Hätte ich selbst bei jedem Versuch oder auch Rückschritt mein Vorhaben hinterfragt oder gar angezweifelt, wären wir heute noch „verheiratet“. Natürlich habe ich geflucht und war maßlos enttäuscht, wenn es wieder mal ein schlechter Tag war. Mein erster Versuch ohne Krücken war nach einer Treppe. Ich ließ das Geländer los, und wollte nur versuchen, die gegenüber liegende Tür ohne fest zu halten zu erreichen. Normalerweise ein einziger normaler Schritt. Für mich gefühlt unendlich weit und zahllose kleine Schritte mit wild um Gleichgewicht ringenden Armen. Ich bin angekommen. Und mein Gehirn war überflutet mit neuen Reizen, ich hatte sogar Kopfschmerzen. So ein Erfolg gibt unbeschreiblichen Aufwind, und er schreit nach Wiederholung, nach der nächsten Herausforderung. Das Hochgefühl trägt natürlich beim nächsten Versuch, auch hilft es über Tiefs und Misserfolge hinweg. Eines Tages, nach zahllosen Versuchen und Übungen bin ich morgens aufgestanden und habe mir ein Ziel gesetzt: Ich werde heute den Tag ohne Krücken zu starten und versuchen so lange wie möglich sie nicht zu benutzen. Mal sehen, wie viele Stunden ich es ohne Krücken schaffe! Kurz gesagt, nach 13 Tagen war der Versuch zu Ende und ich musste doch wieder zu Krücken greifen … ich hätte es selbst nie gedacht, so weit zu kommen, ein riesiger Erfolg.

So auch mein erster Besuch am Kletterfels nach langer Krankheitsphase daheim. Meine Freunde hatten mich abgeholt und eingeladen einfach einen Tag mit „draußen“ am Fels zu sein. Es war nicht für mich geplant zu klettern. Trotz allem habe ich Helm, Gurt und Kletterschuhe eingepackt, da es einfach ein schlechtes Gefühl ist, ohne Ausrüstung am Fels zu erscheinen …

Der Weg vom Auto zum Fels war schon das erste Abenteuer der Extraklasse. Normalerweise dauert dieser Weg wenige Minuten und ist ca. 300 m lang. Ich brauchte sage und schreibe 45 min mit Pause unterwegs. Als ich am Fels angekommen war, fasste ich ihn an und hatte das Gefühl, dass ich es versuchen könnte. Und es hat funktioniert … sogar zwei Routen in verschiedenen Klettersektoren mit noch einem weiteren Abenteuermarsch mit Krücken durch Pfade und Gebüsch dazwischen. Das ganze wurde durch ein Gewitter mit Platzregen beendet, in dem ich meinen Weg zurück zum Auto kämpfte, über Stock und Stein durchs Gebüsch und dann den Waldweg hinauf. Momente für die Ewigkeit und zum genießen …

Natürlich ging nicht alles gut. Es war der sechste Monat im „Trennungskrieg“ im Dezember 2011. Ich bin ohne Krücken mit einer Umzugskiste auf dem Arm (vielleicht nicht die beste Idee in meiner Lage) über eine Teppichkante gestolpert und filmreif der Schwerkraft in Richtung Boden gefallen. Im Flug habe ich noch eine Drehung versucht, die Kiste weggeworfen und dann seitlich auf Hüfte und Schulter gelandet. Die Folge waren Beschwerden, die mich gefühlt um Jahre zurück geworfen haben. Nach 2 Wochen war auch das wieder überwunden und seit diesem letzten Kampf habe ich nie wieder zu Krücken greifen müssen.

Diese Schilderung von meinem Kampf für mehr Mobilität und Freiheit weg von Krücken und hin zu einem selbstständigen Gang soll folgendes verdeutlichen: Die Grenze zwischen Mut, Leichtsinn und Dummheit ist nicht immer klar zu erkennen. Ich selbst wusste nie genau, ob ich mir zu viel oder zu wenig zumutete. Das „Tagesexperiment“ war ein klassisches Beispiel für zu wenig Mut und Unterschätzung. Die Umzugskiste das Gegenteil. Wobei ich noch der Vollständigkeit halber erwähnen sollte, dass ich zuvor einige Kisten so getragen hatte und dies eigentlich „keine große Sache“ mehr war. Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Wichtig ist in meinen Augen nur, sich nicht wissentlich und in vollem Bewusstsein in unkontrollierbare Gefährdung zu bringen. Auch wenn ich oft versuche mit den Grenzen zu spielen, sie manchmal auch (un)bewusst überschreite, so versuche ich immer die potentielle „Fallhöhe“ vertretbar und vor allem überlebbar zu halten. Meine These ist folgende: Wer nicht regelmäßig über seine Grenzen geht, weiß überhaupt nicht, wo diese liegt und war eventuell auch gar nie an seiner Grenze – obwohl es sich danach angefühlt hat.

Wie oft war die Grenze gar nicht dort, wo ich sie zu sein glaubte, sondern viel weiter entfernt? Wesentlich öfter als umgekehrt! Meist weiß mein Bauch sehr genau, was geht und was nicht. Nur habe ich immer die Ruhe und den Willen, darauf zu hören?

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